Archiv der arbeitsmedizinischen Berufskunde

Bei dem „Archiv der arbeitsmedizinischen Berufskunde“ handelt es sich um ein eigenständiges, unabhängiges und urheberrechtlich geschütztes Produkt, das keine kommerziellen Interessen verfolgt. Verlegt wird es vom Ergonomia Verlag Stuttgart und vom Institut für Organisation und Arbeitsgestaltung  Millstatt/Österreich. Diese haben es zu ihrer Aufgabe gemacht, das im Laufe der vergangenen Jahrzehnte in verschiedenen deutschsprachigen arbeitsmedizinischen Publikationsorganen veröffentlichte berufskundliche Material zu sichern und für wissenschaftliche Fragestellungen zur Verfügung zu stellen.

Das Archiv wird fortlaufend überarbeitet. Einen Schwerpunkt stellen die rund 300 Berufsbilder und berufskundlichen Themen dar, die in der Zeitschrift „Arbeitsmedizin Sozialmedizin Umweltmedizin“ und ihren Vorgängerinnen (Gentner Verlag Stuttgart) in den Jahren 1967 bis 2012 veröffentlicht wurden. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages konnten die vollständigen Texte eingefügt werden, wobei die Nutzungsrechte beim Verlag verbleiben. Daneben werden auch Berufsbilder und berufskundliche Themen anderer arbeitsmedizinischer Organe (ErgoMed, Haefner Heidelberg und Handbuch der Arbeitsmedizin, ecomed Landsberg) erfasst.

Stuttgart und Millstatt 2014                                                                                                           G. Pressel und K. Landau

Vom Wesen der Berufkunde

Der Mensch ist vom Mutterleib bis zu seinem Tode äußeren Einflüssen (Exposition) ausgesetzt; es handelt sich dabei um einen ganz natürlichen Vorgang. So überrascht es nicht, dass die Medizin seit alters den Wechselwirkungen zwischen Beruf und Krankheit besondere Beachtung schenkte, allerdings mehr am Rande und nicht systematisch. Schon Hippokrates (um 400 v. Chr.) kannte derartige Zusammenhänge und hielt deshalb seine Schüler an, den Patienten immer nach seinem Beruf zu fragen. Berufsbezogene Untersuchungen finden sich im späten Mittelalter, so z. B. bei Ulrich Ellenbog 1473: „Von den giftigen besen Tempffen und Reuchen“, eine deutschsprachige Anleitung für Augsburger Goldschmiede, sich gegen die schädlichen Quecksilber- und Bleidämpfe zu schützen, oder speziell zu den gesundheitlichen Problemen im Bergbau 1556 bei Georg Agricola: „Vom Berg- und Hüttenwesen“ und 1531–1535 bei Theophrast von Hohenheim, genannt Paracelsus, in seiner dreibändigen Monographie „Von der Bergsucht und anderen Bergkrankheiten“. Bernardino Ramazzini untersuchte 1700 die Zusammenhänge zwischen Beruf und Krankheit („De morbis artificum diatriba“) erstmals auch im gesellschaftlichen Kontext. 

Bei all diesen Publikationen bestand die Sichtweise meist nur in der einen Richtung: gesundheitliche Schäden durch den Beruf allgemein; nur vereinzelt wurden bestimmte Noxen dingfest gemacht (der Begriff "Berufskrankheit" hat hier einen seiner Ursprünge). Dies ist hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass in früheren Zeiten der Beruf grundsätzlich als Einheit gesehen wurde. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts setzte sich die Erkenntnis durch, dass es sich meist um bestimmte einzelne Faktoren handelt, die für den Organismus eine Belastung oder Gefährdung darstellen. In vielen Bereichen der Arbeitsmedizin (Forschung, Arbeitsschutz, Berufskrankheiten) hat sich diese eindimensionale Betrachtungsweise bis heute gehalten und allenfalls auf das Zusammenwirken einzelner Belastungsfaktoren erweitert. Als Konsequenz begann man hauptsächlich im 20. Jahrhundert, umgekehrt nach der gesundheitlichen Eignung oder Befähigung für bestimmte berufliche Tätigkeiten zu fragen. Ein gewisses Gewicht erhielt dieser Aspekt durch die Umsetzung der Sozialgesetze (Arbeitsunfähigkeit und Erwerbsunfähigkeit, Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten).

Durch diese Entwicklung ist freilich auch ein Wandel in der Einstellung der Gesellschaft zum Berufsleben eingetreten: Unter dem dominierenden Aspekt von Krankheit, Verschleiß und Invalidität sind die positiven Seiten, wie Zufriedenheit und Erfüllung, Lebensfreude und gesund erhaltende Wirkungen, in den Hintergrund getreten. Dieser Betrachtungsweise kann sich vielfach auch die Medizin nicht entziehen.

Erst in den letzten Jahren drängte sich, angeregt insbesondere durch die betriebsärztliche Praxis, allmählich eine ganzheitliche Betrachtungsweise in den Blickpunkt, so z.B. im Rahmen der Beachtung psychosozialer Zusammenhänge, eines „Gesundheitsmanagements“ oder der beruflichen und medizinischen Rehabilitation. Man könnte auch von einer Entwicklung der Arbeitsmedizin hin zu einer "Berufsmedizin" (Pressel 2012) sprechen.

Bei der Tätigkeit des Arztes ergeben sich viele praktische Fragestellungen, die in einem engen Zusammenhang mit dem Beruf stehen und deshalb ausreichende berufskundliche Kenntnisse voraussetzen. Einige Beispiele hierfür sind:

  • Beurteilung der Arbeits(un)fähigkeit, Dienst(un)fähigkeit und Erwerbs(un)fähigkeit
  • Mitwirkung bei Rehabilitationsmaßnahmen, Arbeitsplatzwechsel, Umschulungen
  • Einschätzung der Minderung der Erwerbsfähigkeit oder des Grades der Behinderung
  • Anzeige bei Verdacht auf eine Berufskrankheit
  • Mitwirkung im Berufskrankheiten-Verfahren 
  • Beurteilung der Arbeitsfähigkeit im Rahmen des Mutterschutzgesetzes
  • Empfehlungen bei Untersuchungen nach dem Jugendarbeitsschutzgesetz
  • Auch in der Therapie sind berufskundliche Kenntnisse häufig von Bedeutung (z. B. Behandlung des Diabetikers) 

Derartige Zusammenhänge zwischen Beruf und Medizin sind im Prinzip den Ärzten geläufig und werden von Fall zu Fall auch in die Überlegungen mit einbezogen (vgl. "Berufsanamnese"). Von einer systematischen Berücksichtigung dieser in ihren Auswirkungen häufig recht kostenträchtigen Zusammenhänge kann man aber nicht sprechen. Das mag zum einen daran daran liegen, dass der Arzt häufig in die die Rolle eines überwiegend oder ausschließlich therapeutisch tätigen Spezialisten gedrängt wird, zum anderen dass berufskundliches Material – dazu gehört auch das Wissen um objektiv belastende oder gefährdende Faktoren – nicht so ohne weiteres zugänglich ist.

Im traditionellen Denken bedurfte der Begriff „Beruf“ keiner Definition. Die Bundesagentur für Arbeitet versteht darunter eine „auf Erwerb von Entgelt gerichtete, charakteristische Kenntnisse und Fertigkeiten sowie Erfahrungen erfordernde und in einer typischen Kombination zusammenfließende Arbeitsverrichtung“. Dabei ist deren Umfang unerheblich. Auch die Qualifikation spielt letztlich eine nachgeordnete Rolle, da nicht generell bestimmte qualitative Anforderungen an die Berufstätigkeit gestellt werden. So kann man sich die erforderlichen Fähigkeiten häufig in kurzer Zeit aneignen. Daneben gibt es die Ausbildungsberufe, die in der Regel eine jahrelange Ausbildung notwendig machen. Für die Arbeitsmedizin wird eine pragmatischere Definition vorgeschlagen: „Der Beruf stellt die Gesamtheit aller mit einer regelmäßigen Tätigkeit im Zusammenhang stehenden Bedingungen dar; er macht für eine qualifizierte Tätigkeit eine Ausbildung erforderlich“ (Pressel 2011). 

Die Anzahl der Berufsbezeichnungen ist unübersehbar groß. Es wird geschätzt, dass es heute etwa 50.000 verschiedene Berufsbezeichnungen gibt, von denen die Bundesagentur für Arbeit etwa 3.200 aktuell umfassend beschrieben hat. Es handelt sich hier hauptsächlich um rechtlich geregelte Ausbildungsberufe (Duale Berufsausbildung, Schul- und Hochschulausbildung). Den Rest stellen Berufe dar, die keiner rechtlich geregelten Ausbildung bedürfen (z.B. im Medien- oder Werbefach). Die Bundesagentur für Arbeit liefert im Internet ein berufskundliches Informationssystem (www.berufenet.de), das allerdings im Wesentlichen nur aus dem administrativen Teil ohne arbeitsmedizinische Angaben besteht. Letztere stellen jedoch bei der Frage nach der Qualität der beruflichen Belastung und deren Feststellung den Kern  einer arbeitsmedizinischen Berufskunde dar.

Deshalb schufen Scholz, Rosenberger und Wittgens (letzterer war der Initiator) in den 1960er Jahren den Begriff der „arbeitsmedizinischen Berufskunde“ und beschrieben fortlaufend Berufsbilder nach einem einheitlichen Schema: Entwicklung und aktuelle Situation – Aufgaben, Tätigkeitsbereiche und -merkmale – Berufsaus- und -weiterbildung – Belastung und Beanspruchung, Gefährdungen – somatische und mentale Voraussetzungen, gesundheitliche Bedenken – gesundheitliche Prävention – Rehabilitation. Pressel erweiterte 2004 den Begriff über eine spezielle Berufskunde (= Berufsbilder) hinaus um eine "Allgemeine Berufskunde".
In den ersten Jahren waren die Berufe noch inhaltlich weitgehend einheitlich definiert und wenig Veränderungen unterworfen, woraus sich die Vorstellung ableitete, dass man für arbeitsmedizinische Fragestellungen die Berufe quasi lexikonartig erfassen könne. Das hat sich grundsätzlich geändert. Inzwischen gilt mehr denn je, was H. Sperling schon 1965 im Deutschen Ärzteblatt  festgestellt hatte, dass es nämlich "schwierig zu unterscheiden ist, was in einem bestimmten Arbeitsfeld berufstypisch und was nur arbeitsplatzbedingt ist oder inwieweit  eine funktionelle und institutionelle Arbeitsplatzgegebenheit berufstypisch ist". Es gibt also keine Schablonen oder Raster, die sich bei arbeitsmedizinischen Fragestellungen nach Bedarf einsetzen ließen. Zugespitzt formuliert kann man sogar sagen: es gibt in demselben Beruf keine zwei identische Arbeitsplätze. 

Dies erhöht die Schwierigkeit, den arbeitsmedizinisch wichtigsten Teil: Belastung und Gefährdung ausreichend zu berücksichtigen. Deshalb wurde neben der konventionellen Beschreibung der Berufsbilder der Weg beschritten, die arbeitsmedizinisch relevanten Belastungs- und Gefährdungsfaktoren herauszuziehen und umfassend zu beschreiben (Landau/Pressel: „Medizinisches Lexikon der beruflichen Belastungen und Gefährdungen“ 2009). Damit wird die Möglichkeit gegeben, aus vorliegenden berufskundlichen Daten (z.B. BERUFENET), anhand der wissenschaftlichen Erkenntnisse zu den Belastungen und Gefährdungen sowie durch praktische Anschauung  – passend zum konkreten Arbeitsplatz und gezielt für die jeweilige Fragestellung - das erforderliche arbeitsmedizinische Berufsbild zusammenzustellen. In der Literatur vorliegende Beschreibungen von vergleichbaren Berufsbildern können dabei hilfreich sein. 

Es wäre allerdings eine verkürzte Betrachtung, die arbeitsmedizinische Berufskunde und das "klassische" Berufsbild ausschließlich als Datensammlung zu sehen. Diese ist sicherlich von Fall zu Fall für aktuelle Fragestellungen von Nutzen und kann rückblickend z.B. für Gutachten oder epidemiologische Untersuchungen wertvolle Erkenntnisse zu früheren Arbeitsplatzverhältnisse liefern. Den Initiatoren der arbeitsmedizinischen Berufskunde ging es jedoch vor allem darum, überwiegend therapeutisch geprägten Ärztinnen und Ärzten den Weg zu den Arbeitsplätzen und zu der beruflichen Situation der ihnen anvertrauten Arbeitnehmer zu weisen. Hierfür liefern die allgemeine Berufskunde und - ggf. beispielhaft - Berufsbilder das unverzichtbares Basiswissen. Die Berufsbilder sollen aber noch einen anderen, wichtigen Zweck erfüllen, indem sie generell den Blick  für die arbeitsmedizinischen Probleme in der Arbeitwelt schärfen. Man kann deshalb die arbeitsmedizinische Berufskunde als eine "Schule des Sehens" verstehen.

Literaturhinweise:

Berufsbilder. Sporadisch in:

  • Zeitschrift: Arbeitsmedizin-Sozialmedizin-Umweltmedizin, Gentner Verlag Stuttgart (www.asu-arbeitsmedizin.com)
  • Zeitschrift: ErgoMed / Zeitschrift für praktische Arbeitsmedizin, Dr. Curt Haefner Verlag Heidelberg (www.ergomed.de)
  • Loseblattsammlung: Handbuch der Arbeitsmedizin (Hrsg. Letzel S, Nowak D), ecomed MEDIZIN Landsberg

Berufsbilder in Buchform: Scholz JF, Wittgens H (Hrsg.; 1992): Arbeitsmedizinische Berufskunde. Gentner Verlag Stuttgart 2. Aufl. (vergriffen, Fernverleih!)

Berufsbeschreibungen der Bundesagentur für Arbeit BERUFENET. http.://berufenet.arbeitsagentur.de

Berufliche Belastungen und Gefährdungen: Landau K, Pressel G (Hrsg.; 2009): Medizinisches Lexikon der beruflichen Belastungen und Gefährdungen. Gentner Verlag Stuttgart 2. Aufl. 


Ältere Beiträge zur arbeitsmedizinischen Berufskunde und zu deren Randgebieten: Baader EW (Hrsg., 1961 - 1963): Hdb. ges. Arbeitsmed., Urban & Schwarzenberg Berlin - München - Wien
     Bd. V "Arbeitsphysiologie, Medizinische Berufskunde und Grenzgebiete" (Hrsg. Wittgens H)

  •  Molle F: Allgemeine Berufskunde (S. 339 - 358)
  •  Wittgens H: Spezielle medizinische Berufsbilder (S. 359 - 578)

     Bd. IV/1 und Bd. IV/2 "Arbeitshygiene" (Hrsg. Symanski H)

 

 Einzelbeiträge:

  • Pressel G (1986): Das Ergogramm als Informationsmittel der Arbeitsmedizin.
    Arbeitsmed.Sozialmed.Präventivmed. 21, H. 1: 11-14
    Text
  • Pressel G (2004): Arbeitsmedizinische Berufskunde – Vorschlag einer Systematik. Arbeitsmed.Sozialmed.Umweltmed. 39, H. 12: 630-632
    Text
  • Pressel G (2011): Die Rolle des Berufs in der Medizin. In: Triebig G, Kentner M, Schiele R (Hrsg.): Arbeitsmedizin. Handbuch für Theorie und Praxis. Gentner Verlag Stuttgart 3. Aufl. S. 911–918
  • Pressel G (2012): Das arbeitsmedizinische Berufsbild. Von der Datensammlung zur Berufsmedizin. Arbeitsmed.Sozialmed.Umweltmed. 47, H. 11: 610-612
    Text
  • Scholz J.F. (1967): Einführung in die aktuelle ärztliche Berufskunde. Arbeitsmed.Sozialmed. Arbeitshyg. 2, H. 4: Sonderbeilage AäBk 1
    Text
  • Sperling H (1965): Krankheit und Beruf. Deutsches Ärzteblatt 3: 144-146
  • Wohlleben R (1976): Berufskunde - ihre Möglichkeiten und Grenzen. Arbeitsmed.Sozialmed.Präventivmed. 11, H. 2: Sonderbeilage AäBk 107
    Text